Kurt's Biography (German)

 

 

 

Emigrantengeschichten 


Deutsche Auswanderer

in Amerika 

 

 

Ulrike Eisenträger

 

1998/99

 

 

 

The Pursuit of Happiness

 

Das Haus steht in Brentwood, einem Stadtteil von West Los Angeles, des­sen Bewohner über die plötzliche Berühmtheit, die der Gegend durch den Mordprozess gegen O.J. Simpson zugewachsen ist, gar nicht erfreut sind. Einige Hausbesitzer in der unmittelbaren Nachbarschaft des Tatorts haben ihren Besitz verkauft und sich woanders niedergelas­sen. Die Bauweise der Häuser und die Anlage der Gärten in diesem Stadtteil, der nördlich an Santa Monica und westlich an Bel Air grenzt, signalisieren Rückzug. Der Besitz ist oft hinter hohen Hecken, Sträu­chern und Mauern verborgen, und die berg­auf sich den Mandeville Canyon entlangziehenden schmalen und kurvigen Straßen enden im Nichts der unerschlossenen Hügel.

   Der Besitzer des Hauses, das dem Besucher von der Straßenseite die weiße Front einer verschlossenen Doppelgarage und die glatte weiße Fläche eines hohen doppeltürigen Eingangstors zeigt, liebt das schlichte Design des Bauhausstils. Er hat sein Haus selbst entworfen. Die Grund­farbe ist auch drinnen das Weiß. Beim Betreten des Wohnzimmers öff­net sich dem über­raschten Besucher durch die über zwei Stockwerke hohe Glasfront ein Blick, der über den blühenden Garten und Santa Monica hinweg bis zum Pazifischen Ozean geht, wo man an den we­nigen vollkommen klaren Tage im Jahr Catalina Island sehen kann.

   Der Hausherr genießt diesen Blick auch von seinem Schreibtisch aus, der um ein paar Stufen erhöht den Wohnraum samt Fenster überblickt. Der kleinere offene Arbeitsraum wird vom goldenen Sonnenlicht erhellt, das die Gruppe natürlicher Felsen reflektiert, die hier vom Hang aus, an den das Haus ge­baut ist, durch die offen gelassene Rückwand direkt in den Raum hinein zu rollen scheinen.

   Vom selben atemberaubenden Blick wird auch die an den Wohnraum an­grenzende weiße Küche mit dem langen schlichten Esstisch aus schwerem Holz beherrscht, allerdings in einen niedrigeren und dadurch breiter er­scheinenden Rahmen gefasst, sozusagen in Cinemascopeform, die sich im oberen Stockwerk des Hauses im Schlafraum wiederholt. Die Spiegelwände an der schmalen Seite des Esstischs und am Aufgang zum Arbeitsraum stei­gern den Eindruck von Transparenz und Leich­tigkeit. Welch ein Vergnü­gen, hier den Tag zu beginnen. Und der Hausherr beginnt ihn früh, sehr früh. Er liebt den neuen Anfang, An­fänge überhaupt.

   Um offen zu sein für Neues, mag er Gewesenes nicht mit sich tragen. So fehlt in seiner Umgebung alles, was sonst Zeugnis ablegt von geleb­tem Le­ben. Es fehlen die zu Gegenständen geronnen Erinnerungen, wie Bilder von Freunden und Verwandten, Mitbringsel von Reisen und sonstige Andenken und Souvenirs, ganz zu schweigen von Coffeetable Books und ähnlichen dekorativen Einrichtungselementen. Es fehlen überhaupt die Bücher. Kurt Simon hat vor Jahren schon seine Biblio­thek von 2.000 Bänden der Uni­versität vermacht, in order to simplify my life. Nur ein Bord mit den Büchern seiner Freunde hat er behalten.

 

Zwei Wochen vor seinem 87. Geburtstag schickt er seiner Lebenserzäh­lung die Bemerkung voraus, dass für ihn das Interesse an der Zukunft im Mittelpunkt steht. Mit seiner vergangenen Lebensgeschichte, an die er seit Jahrzehnten nicht mehr gedacht hat, möchte er sich nicht mehr be­lasten, und mit dem Land seiner Herkunft verbindet ihn nur noch sein deutscher Akzent, den er gern los wäre, obwohl das für seinen Umgang mit Menschen in diesem Land zum Glück gar keine Rolle spielt. Kurt Simon hat in Ame­rika gelebt, seit er 23 war. Die deutsche Sprache be­herrscht er inzwischen nur noch passiv. Sein gesprochenes Deutsch be­zeichnet er als “kitchen German”.

   Wenn er auf die einzelnen Lebensabschnitte zurückblickt, die seiner An­sicht nach so divers sind, dass sie auf kein Ziel hinweisen, möchte er all denjenigen Trost zusprechen, die vor dem Altwerden Angst haben. Sein Leben ist gerade jetzt das angenehmste, das er jemals geführt hat, und dass es nicht mehr lange dauert, beunruhigt ihn nicht. Finanzielle Sorgen, die er früher oft hatte, belasten ihn nicht mehr. Er verfügt über ein Vermö­gen von vier Millionen Dollar. Ein Reichtum, der nicht zu erwarten war, denn Geld hat ihn bei allem, was er unternahm, am we­nigsten interessiert.

   Kurt Simon verlässt Deutschland 1935, weil man ihn dort plötzlich als Ju­den betrachtete. Er stammt aus einer jüdischen Familie, wurde aber prote­stantisch erzogen, seine Schwester dagegen katholisch, weil sie eine Klo­sterschule besuchte. Seine Freunde verstehen seinen Entschluss nicht, denn für sie hat sich an seiner Erscheinungsweise nichts geändert. Die Verfügun­gen Hitlers erklären ihn jedoch zum Staatsfeind, und Kurt hat den Eindruck, dass die Verhältnisse sich nicht bessern werden.

   Er breitet die Weltkarte vor sich aus und sucht sich ein Ziel. Chile er­scheint ihm sehr attraktiv. Da er die Technische Hochschule in Stuttgart be­sucht hat und ebenfalls aus seiner Tätigkeit im häuslichen Familien­betrieb über gute Kenntnisse in der Produktion und in der Betriebslei­tung verfügt, entschließt er sich, einen gut bezahlten Posten in der Lei­tung einer Mine in den Anden anzunehmen. Doch er ge­langt niemals dorthin.

   Er verlässt das Schiff in New York, und Amerika gefällt ihm sofort so gut, dass er es nie wieder verlassen möchte. Er geht auf Arbeitssuche in der gro­ßen Stadt, die von der Großen Depression geprägt ist. Men­schen werden vor Hunger ohnmächtig, leitende Angestellte versuchen Äpfel auf der Straße zu verkaufen. Kurt hat Geld von seinen Eltern da­bei, das er sofort auf die Bank bringt und niemals anrührt. Im Fabrik­bezirk geht er von Tür zu Tür und fragt nach Arbeit.

   Nach ein paar Tagen bekommt er einen Job, der so gefährlich ist, dass kei­ner ihn haben wollte. Er arbeitet an einer Säge ohne Sicherheits­vor­rich­tung, die Rohre aus Hartplastik zerteilt. Sein Lohn deckt kaum mehr als die Kosten für sein Zimmer beim YMCA. Er geht über eine Stunde zu Fuß zum Friseur, weil der Haarschnitt dort 10 Cents bil­liger ist. Seine Ar­mut macht ihm nichts aus, solange sie nur ihn allein betrifft. Sie stört ihn erst später, als er es sich nicht leisten kann, ein Mädchen ins Re­staurant ein­zuladen oder als er nicht in der Lage ist, Weihnachtsgeschen­ke für seine Freunde zu kau­fen.

   Bald möchte er New York verlassen und sich woanders in den USA um­sehen. Er ist im Besitz einer Leica-Kamera und hat Erfahrung im Fotogra­fieren. In zahllosen Schreiben bewirbt er sich überall im Land um eine Stelle als Zeitungsfotograf, never realizing that letters to the editors never get ans­wered. Durch einen Zufall lernt er den mächtigsten Mann der Zeitungs­bran­che kennen, William Randolph Hearst. Die Tante des mäch­tigen Mannes ist von Kurt angetan und stellt ihn aus Dank­barkeit für einen Dienst, den er ihr erwiesen hat, dem berühmten Neffen vor. Kurze Zeit später erreicht ihn im YMCA ein Brief, in dem er aufge­fordert wird, beim Herausgeber des “New York Daily Mirror” vorzusprechen, in jenen Tagen eine der größten Tageszeitungen in den Vereinigten Staaten.

   Der Herausgeber spricht persönlich mit ihm und fragt ihn, ob er je­mals für eine Zeitung gearbeitet habe und ob er Berufsfotograf sei. Alas Kurt Simon beides verneint, seufzt er tief auf. And the man took his head in his hands and said, ‘Oh my god, and I must hire you.’ I said, ‘I don’t know what you’re talking about.’ He said, ‘The old man.’ I said, ‘Which old man?’ - ‘William Randolph Hearst. He called me  from St Simeon at three o’clock in the morning and told me to hire you.’ Kurt Simon erklärt dem Herausgeber, dass er seine Zeitung gut kenne und dass er beeindruckt sei von den darin veröf­fentlichten Fotos, unter de­nen sich allerdings keines fände, das er nicht mindestens genauso gut ma­chen könnte, wenn er die Chance bekäme. Er schlägt ihm vor: You don’t have to pay me for three weeks und erhält zur Antwort: We al­ways pay people who work here. Auf Kurts Hinweis, wenn er nicht das leiste, was erwartet wird, könne man ihn ja wieder entlassen, wird ihm entgegnet: That we most certainly will do.

   Die Arbeit als Pressefotograf ist zunächst faszinierend. Kurt erhält die Gelegenheit, aus nächster Nähe zu sehen, wie die Idee des Melting Pot in der Großstadt New York Gestalt annimmt oder sich in vielen Fällen auch nicht verwirklicht. Er macht Aufnahmen von Unglücksfällen und Sensatio­nen jeder Art, wie zum Beispiel von den Überresten eines Mannes, der vom Empire State Building in den Tod sprang. An zahlrei­chen Unglücksorten erwartet er mit der Kamera die Angehörigen der Opfer, um Aufnahmen da­von zu machen, wie sie sich in ihrem Schmerz über den Toten werfen. Han­delt es sich dabei allerdings le­diglich um einen verunglückten Fen­sterputzer, so hat er sich umsonst bemüht. I learned what is news in this country and what isn’t. Je länger er dieses Metier betreibt, desto größer wird sein Ekel davor. Er mag auch New York und die New Yorker nicht beson­ders.

   Auf einer Party trifft Kurt den deutschstämmigen Fritz Kaufmann, der ihn fragt, was er denn eigentlich genau in Amerika erreichen möchte. Obwohl er denkt, dass das diesen Mann, den er überhaupt nicht kennt, gar nichts an­geht, folgt er dessen Einladung in sein Büro. Der Mann lei­tet eine der größten Einstellungsagenturen auf dem Arbeitsmarkt. Er vertritt die Stadt und den Staat New York als öffentliche Arbeitgeber.

   Kurt Simon geht mit der ihm zu diesem Zweck überlassenen Visiten­karte Fritz Kaufmanns von Vorzimmer zu Vorzimmer, bis er schließ­lich das pompöse, sich über zwei Stockwerke ausdehnende Chefzimmer mit dem rie­sigen, vollkommen leeren Schreibtisch erreicht, hinter dem die Flaggen der Stadt und des Staates New York mit der Flagge der USA in der Reihe stehen.

   Fritz Kaufmann stellt ihm nochmals die Frage: ’You have arrived in the United States, 23 years old, what do you want to do with your life?’ And I said, ‘I want to eat.’ He said, ‘You’re all wrong.’ - ‘You don’t want me to eat?’ And he said, “A look at you convinces me that you will always eat.  But damned - don’t you have a dream?’ Und Kurt erzählt ihm von seinem Traum, Filme zu produzieren. He said, ‘Have you tried?’ Diese Frage kommt ihm damals in New York ohne einen Pfennig Kapital und ohne jede Erfahrung im Filmhandwerk vollkom­men verrückt vor. Als er sie verneint, wird er von seinem Gesprächspartner mit der Bemerkung entlassen, er solle daran gehen, seinen Traum zu ver­wirklichen.

 

Kurt Simon verlässt New York mit dem wenigen Geld, das er dort ver­dient hat, es sind 400 Dollar. Er kauft sich ein Auto und macht sich auf den Weg durch die USA, um einen Ort zu finden, an dem er leben möchte. Natürlich ist Hollywood mit seiner Filmindustrie von Anfang an das Ziel zur Ver­wirklichung seines Traums. Aber es steht noch nicht fest, wo er sich nie­der­lassen wird. Zwei Monate lang sieht er sich Orte an, die in Frage kä­men. Chicago kommt ihm so unattraktiv vor, dass er denkt, man könnte sich hier gut aufs Geldverdienen konzen­trieren. Denver, umgeben von ho­hen Bergen, sieht interessant aus, ebenso San Francisco mit seinem Charme. Als er aber nach Santa Mo­nica in Los Angeles kommt und durch die Ge­gend läuft, in der er bis auf den heutigen Tag jeden Morgen Joggen geht, sagt er sich: This is the place.

   Glücklicherweise hat er eine Cousine, die eine recht erfolgreiche Schau­spielerin ist. Sie stellt ihn dem Chef von Metro Goldwyn Mayer vor. Als Fotograf möchte er natürlich am liebsten Kameramann sein. Carl Freund, ein Fotograf, der durch seine Garbo-Bilder berühmt ge­worden ist, rät ihm davon ab. Er solle lieber Cutter (film editor) werden, weil er in dieser Sparte alle Arbeitsschritte kennen lernen könne, die zum Fertigstellen eines Films nötig sind.

   So steigt Kurt Simon bei Metro Goldwyn Mayer als Cutterlehrling ein. Bei Mar­garet Booth, the most famous film editor of all times, geht er durch eine harte Schule. She asked me - always - questions that I couldn’t answer. ‘Where is this close up shot?’ ‘What happened to this?’ And when I said, ‘I don’t know, Marga­ret’, she pounded her fist on her desk and said, “Don’t say, I don’t know! Say, I’ll find out, Margaret!’ Auf diese Weise findet er tatsäch­lich viel heraus. Bis heute ver­meidet er die Antwort “I don’t know”, wenn er etwas nicht weiß. So tut er einen großen Schritt ins Filmgeschäft - bis er entlassen wird, zusammen mit 1.400 anderen Angestellten am selben Tag. Die Stellen wurden abge­baut.

   Es beginnen harte Zeiten in Hollywood, denn die anderen Studios entlas­sen ebenfalls Angestellte, deren Zahlen in die Tausende gehen. Kurt hat immer noch das Ziel, sich als Angestellter eines Studios em­porzuarbei­ten zum Filmregisseur oder Produzenten. Ihm ist damals nicht klar, dass das in Hollywood nahezu unmöglich ist.

   Einstweilen bekommt er um die Weihnachtszeit einen Job im Postamt. Er sortiert Briefe und trägt Pakete aus. Das tut er drei Jahre lang jeweils vor Weihnachten. Ebenfalls jahrelang arbeitet er als Bote in den Warner Bro­th­ers Studios. Daneben nimmt er allerlei Büroarbeiten an, um sich sein Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Es sind langwei­lige und öde Beschäftigungen, und Kurt fühlt sich miserabel dabei.

   Ende der dreißiger Jahre schafft er es schließlich, eine Arbeit bei dem deutschstämmigen Regisseur William Dieterle zu bekommen, der im­mer weiße Handschuhe trug und sich selbst als gottähnlich ansah. Er liebte es, wenn man ihm schmeichelte. So schreibt er ihm einen Brief, in dem er ihn bittet, in seinem Schatten gehen und sein Script für ihn tra­gen zu dürfen - oder so ähnlich. Zwar hasst sich Kurt Simon selber für das Schreiben eines solchen Briefs, aber er hat Erfolg und bekommt eine Antwort von Frau Dieterle, die die Geschäfte ihres Mannes führte und sein Leben für ihn or­ganisierte. Sie lädt ihn zu einem Gespräch ein.

   Das Einstellungsgespräch findet in ihrem Schlafzimmer statt, denn Mrs Dieterle ist nach einem schweren Unfall ans Bett gefesselt. Ihr In­teresse gilt vor allem der exakten Geburtszeit des Kandidaten, denn als überzeugte An­hängerin der Astrologie trifft sie alle ihre Entscheidun­gen nur in Harmonie mit den Sternen. Kurt wird gebeten, im Erdge­schoss des Hauses zu warten, bis der Rat des Astrologen eingeholt ist. Er wird von den chinesischen Die­nern mit Tee und Gebäck versorgt, hört einen Wagen abfahren und nach Stunden zurück kommen und wird schließlich nach oben gerufen, um zu er­fahren, dass seine Sterne gün­stig stehen: Your sign is amazingly para­llel to that of my husband.

   So beginnen für Kurt Simon die eineinhalb seltsamsten Jahre seines Le­bens. Er bekommt ein Büro im Privathaus der Dieterles, lernt be­rühmte deutsche Emigranten wie den Komponisten Arnold Schönberg und den Schriftsteller Bertolt Brecht kennen, die dort als Gäste ein und aus gehen, und dient der größten Berühmtheit William Dieterle als Knecht. Er trägt ihm nicht nur das Script an den Set, sondern auch die Notizen, die Mrs Die­terle für ihn macht. Mr Dieterle stellt sich als ein rechter Hohlkopf heraus und Mrs Dieterle als kluge Persönlichkeit, die die Astrologie dazu benutzt, ihre brillianten Ideen durchzusetzen.

   Eines Tages schickt Mrs Dieterle Mr Simon, wie sie ihn trotz seiner Ju­gend stets nennt, in eine Tierhandlung, um herauszufinden, wann genau die beiden Hunde geboren wurden, von denen sie einen ihrem Mann zum Ge­burtstag schenken will. Auch für diese Entscheidung soll der Astrologe ein Gutachten abgeben. Natürlich weiß der Tierhändler über die Geburtszeit der beiden Welpen nichts, doch da es sich um kost­spielige Tiere handelt, findet sich auch bald eine präzise Angabe dazu. Als der Astrologe daraufhin in seinem Gutachten die unterschied­lichen Charaktere der beiden Hunde aus­führlich beschreibt, haben die Dieterles Schwierigkeiten, eine Entscheidung zu treffen. Nach ausführ­lichen Er­wä­gungen, die sich über Stunden hinzie­hen, kaufen sie beide. Und nach nur acht Wochen sind beide Hunde gestor­ben.

   Dieser Zirkus wird Kurt schließlich zu bunt, und er bringt Mrs Die­terle mit einer Beleidigung dazu, ihm zu kündigen. Für kurze Zeit be­zieht er Ar­beitslosen­unterstützung, bis er wieder für Jahre als Studio­bote arbei­tet, der den gan­zen Tag umherrennt und den Leuten Post und Nachrich­ten über­bringt. Er hat nun das Gefühl, nie wieder eine Chance zu haben.

   Doch er bekommt nach längerer Zeit einen besseren Job als einer von fünf Zeitnehmern (time checkers), deren Aufgabe es war, in den Warner Brother Studios her­umzulaufen und genau zu erfassen, was wer wann genau tut. Je­der von ih­nen erfasste die Arbeit von etwa 200 Angestellten am Tag, denn Mr Warner wollte wissen, was seine Leute über den Tag ver­teilt taten. In Zu­sammen­arbeit mit der Buchführungsabteilung war es auf diese Weise mög­lich, bis auf fünf Prozent genaue Kostenberech­nungen über die Produktion eines Films zu erhal­ten.

   Für Kurt Simon ist diese Arbeit interessant, denn er lernt dabei jede ein­zelne Phase des Filmemachens genau kennen. Er bekommt immer andere Gruppen von Leuten zugeteilt, deren Arbeit er überprüft, einmal sind es die Zimmerleute oder die Schauspieler, einmal die Regisseure oder die Ko­stüm­schneider. Ein zusätzlicher Vorteil entstand für ihn aus der Vor­schrift der Gewerkschaften, dass er in seinem Job acht Stunden täglich ar­bei­ten musste, obwohl seine Ar­beit manchmal sogar schon in zwei Stun­den erledigt war. Anstelle einer halben Stunde Mittags­pause kann er sich zwei Stunden neh­men, die er in der gut ausgestatte­ten Studiobiblio­thek verbringt. Sein Chef weiß, dass er ihn dort immer erreichen kann.

   In der Bibliothek stößt Kurt auf einen Artikel von Peter F. Drucker, einem bekannten Unternehmensberater (managment consultant). Darin findet er die folgende These: In order to be a good employee you have to undergo two experiences. You have to at least once in a life be fired, so you know your life doesn’t collapse if you loose your job. And at least once in your life you have to quit a job if you have no future in it. - I closed that ‘Fortune Magazine’ with that article,  I walked around the backyard of Warner Bro­thers for two hours - and I quit. Durch seine jahre­lange Arbeit bei Warner Brothers hatte er dort Kündigungsschutz erlangt. Er bekam auch genügend Geld, um davon gut zu leben. Aber er hatte das Gefühl, keine Zukunft zu haben.

   So ist er nun mit Mitte 30 wiederum ohne Arbeit und hat nur wenig Geld. Doch schon zwei Wochen später hat er einen Job, in dem er weit­aus mehr Geld verdient als vorher. Es ist eine überaus interessante Ar­beit in einem sehr kleinen Special Effects Studio, bei der er alles an­wenden kann, was er zuvor gelernt hat. Zwar arbeitet er selten weniger als 14 Stunden am Tag, doch die kreative Tätigkeit, visuelle Effekte in einem Film zu erzeugen, die vorher nicht für möglich gehalten wurden, beflügelt ihn. Er macht seine Ar­beit so gut, dass die Teilhaber des Stu­dios ihm einen Anteil davon übertra­gen, obwohl er keine Geldeinlage machen kann. So wird er einer der Teil­haber.

   Doch etwas läuft verkehrt. Kurts enormer Einsatz am Arbeitsplatz ist zu jener Zeit nicht seine einzige Aktivität. I was a bachelor, I had female troubles at that time. I had an active social life. Dazu kommt, dass er weit draußen in Ma­libu wohnt und lange Fahrtzeiten zum Studio hat. Au­ßerdem gewinnt er In­teresse an der Politik und engagiert sich in Wahl­kampagnen.

   Sein schnelles und turbulentes Leben, bringt ihn ins Kranken­haus. Er bekommt stechende Schmerzen in den Gelenken der Finger und der Knie und sucht als ehemaliger Soldat - es ist die Zeit nach dem Zwei­ten Welt­krieg - das Veterans’ Hospital auf. I stood in a line there with about ten other nak­ed men when the doctor with his assistant came by, checked each one of us out and turned to his assistant and said, ‘Take that man off his feet for three months’, and walk­ed off.

   Kurt zieht seine Kleider über und rennt hinter dem Doktor her. Er er­klärt ihm, dass er unmöglich drei Monate im Krankenhaus bleiben kann. Er muss doch arbeiten, er hat Verpflichtungen. Der Doktor fragt ihn, wie lange er in der Army gewesen sei. So, fünf Jahre, da würde er wohl drei Monate Zeit haben, um gesund zu werden.

   Diagnostiziert wird bei ihm eine Form von Arthritis (rheumatoid ar­thri­tis). Drei Monate lang berühren seine Füße nicht den Boden. Er liegt im Bett oder bewegt sich innerhalb des Krankenhauses im Roll­stuhl umher. Gern sitzt er auf dem Dach an der frischen Luft. Während der ganzen lan­gen Zeit fragt er sich: How could this happen to me? Aus der Bibliothek lässt er sich Bücher über seine Krankheit bringen. Was sie aus­löst, ist nicht be­kannt. Kurt überlegt, wann er zuerst dieses Stechen in den Gelenken gespürt hat, und stößt dabei auf die extreme Stresssituation, in der er lebte.

   Nachdem er für sich die Ursache der Krankheit auf Stress zurückge­führt hat, lehnt er sämtliche Medikationen, die ihm verordnet werden, ab. Er ver­weigert die Einnahme von 36 Aspirintabletten täglich, wehrt sich gegen die Verordnung von ACTH und akzeptiert auch nicht das damals neue Wun­dermittel Cortison. Die Verweigerung trägt offen­sichtlich zu seiner Gesun­dung bei. Für die Zukunft nimmt er sich vor, aus allen Situationen auszu­steigen, die zuviel Stress erzeugen.

   Der Arzt, der die Diagnose gestellt und ihn für drei Monate ins Kran­ken­haus eingewiesen hatte, wird später Präsident der American Ar­thritis Foun­dation. Nachdem Kurt ihm von der Art seiner Gesundung erzählt hat, lädt er ihn zu einer Vorlesung ein, die er vor mehr als hun­dert Rheumatologen hält. Kurt Simon wird dort samt den Röntgenauf­nahmen seiner Knie vor und nach der Gesundung als lebender Beweis für die These vorgestellt, dass Rheumatoid Arthritis aufgrund von Stress entstehen und durch die Vermei­dung von Stress geheilt werden kann.

   Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus zieht Kurt die Konse­quen­zen aus seiner Erkenntnis. Er verabschiedet sich für immer von seiner Ar­beit im Special Effects Studio und geht nach Mexiko. Dort lebt er drei Mo­nate lang für eineinhalb Dollar am Tag. Erst nachdem er sich vollkommen schmerzfrei fühlt, kehrt er nach Los Angeles zurück. Diese Art, mit seinen Kräften umzugehen, behält er als Lebensprinzip bei. Beim ersten Anzeichen von Schmerzen in den Gelenken, lässt er al­les stehen und liegen und geht für Wochen und Monate auf Reisen. Er hat sein persönliches Warnsystem ent­deckt und macht Gebrauch davon.

 

Kurts Engagement für die Politik ist nicht aus der Begeisterung für eine Partei oder eine Persönlichkeit entstanden, sondern im Gegenteil aus seinem Bestreben, den Sieg einer Politikerin zu verhindern, die er, auch weil sie dem linken Spektrum angehörte, für besonders dumm hielt. Auf diese Weise gerät er in den 50er Jahren ins Wahlkampfbüro Richard Nixons im Stadtteil Westwood. Monatelang leckt er Briefmarken, ver­schickt und ver­teilt Wahlkampfschriften, geht von Haus zu Haus, ruft Slogans durchs Me­ga­phon und trifft die ganze Zeit niemals Mr Nixon. Nach dessen Sieg erhält er ein Formschreiben, in dem ihm ge­dankt wird. Er wird aufgefordert, sich an Mr Nixon in Washington zu wenden, falls er ein An­liegen habe.

   Natürlich wendet er sich niemals an Mr Nixon in Washington, aber das Schreiben ermutigt ihn, regelmäßig in den Club der Republican Party in Westwood zu gehen. Dort sind viele Leute in seinem Alter. Lange Zeit hört er staunend den Diskussionen zu. Als er sich schließlich einmal ein Herz fasst und selbst einen Beitrag leistet, bekommt er Lob und Applaus. So bleibt er dabei. Später gründet er selber eine größere republikanische Organisa­tion, die sich zum größten Republikanischen Club in West Los Angeles entwickelt.

   Anfang der 60er Jahre unterstützt Kurt Simon die Präsidentschafts­kandi­datur des rechten Republikaners Barry Goldwater gegen Nelson Rockefel­ler in Los Angeles und Southern California. Er verpflichtet 14.000 Wahl­hel­fer, die von Tür zu Tür gehen, ohne Geld dafür zu nehmen. Bei einer gro­ßen Wahlkampfveranstaltung in San Francisco schmuggelt er den Film­schauspieler Ronald Rea­gan hinein und bittet ihn dafür, kostenlos in sei­nem Wahlkampffilm für Barry Goldwater mitzuspielen. Diese Kampa­gne gehört zu den Highlights von Kurt Simons politischen Aktivitäten, weil sie seiner Mei­nung nach zeigt, wie man mit Phantasie und Organisa­tion Teilsiege über ei­nen sehr viel reicheren Gegner erringen kann. Dass Barry Goldwater, den er für einen großen Idealisten hält, nicht Präsident wurde, schmälert diesen Er­folg in seinen Augen keineswegs. Seine Nie­derlage führt er auf die gro­ßen Geldsummen zurück, seiner Meinung nach linke Organisatio­nen, wie z.B. die Gewerkschaften gegen ihn eingesetzt hätten.

   Seit jener Zeit ist Kurt politisch nicht mehr sehr aktiv gewesen. Seine  dreißigjährige Mitgliedschaft im National Comittee of the Republican Party hat er kürzlich aufgekündigt. Er sieht in der Republikanischen Partei von heute religiöse Fanatiker am Werk. Zum Beweis führt er eine Initiative zum Verbot des Schwangerschaftsabbruchs an, in seinen Au­gen ein Eingriff in die persönli­che Entscheidungsfreiheit.

   Noch einmal hat er in einem anderen Zusammenhang das wohltuende Ge­fühl, politisch Einfluss zu nehmen. Der spätere deutsche Bundespräsident Gustav Heinemann, in früherer Zeit Anwalt des Vaters von Kurt Simon in Essen, lädt ihn zu einem Treffen ein, bei dem Ideen zur Vorbereitung seiner Präsi­dentschaftswahl besprochen werden. Nach seinem Ein­druck von der Ver­anstaltung befragt, empfiehlt ihm Kurt ‘Robert’s Ru­les of Order’, an American booklet that was written a hundred years ago (about) how to conduct a meeting. Diese Anlei­tung beschreibt einfache Regeln zur Meinungsbildung und Ergeb­nissicherung in Entscheidungsgre­mien. Er telegrafiert nach Amerika und lässt das Buch sofort an Gustav Heinemann schicken, der ihm später sagt, dass es ihm sehr geholfen hätte. So, can you imagine that Kurt Simon was influ­ential in getting a president elected in Germany?

 

Im Gegensatz zum Klischee vom armen Einwanderer, der in Amerika zum Millionär wird, hat sich Kurz Simon zunächst aus einem reichen Elternhaus in die Armut begeben. Er verbrachte seine Kindheit in Wer­den an der Ruhr, einem kleinen Ort in der Nähe der Großstadt Essen. Der Holz verarbeitende Betrieb W. Döllken, nach dem Großvater benannt und damals im Besitz des Vaters, produzierte Holzleisten und Bilder­rahmen, die in alle Welt verkauft wurden, und war der größte Arbeitge­ber in der kleinen Stadt. I was raised to be conscious of the fact that I had to be gracious to everyone. Er zog die Mütze ab, wenn er jeman­dem auf der Straße begegnete, und die anderen taten das­selbe vor ihm, so­gar als er noch ein Kind war. Manchmal wurde er vom Kutscher im Pony­wa­gen zur Schule gebracht. Die Eltern lassen in einem Laden in Es­sen Kleidung für Kurt anfertigen. Doch er weigert sich, sie zu tragen. Er möchte aussehen wie die anderen Kinder.

   My parents were wonderful people, just - wonderful people. Die Simons ver­suchten mit ihrem Reichtum die Armut der Leute, die um sie herum lebten, zu lindern. Frau Simon richtete eine Mütterberatung ein. Sie be­zahlte einen Arzt und eine Krankenschwester für eine wöchent­liche Sprechzeit, zu der Mütter ihre Babys bis zum Alter von zwei Jahren zur Untersuchung und Be­ratung bringen konnten.

   Zu Weihnachten gab es Geschenke für die Kinder, immer ein Spiel­zeug, das in der Fabrik des Vaters oder im Haus der Simons hergestellt worden war, dazu etwas zum Essen und etwas zum Anziehen. Kurt er­innert sich, wie jeweils in der Vorweihnachtszeit das Haus umgeräumt wurde, um Platz für die vielen Geschenke zu machen. Es wurden meh­rere Schneiderinnen beschäftigt, die die Kleider für die Kinder nähten, von denen sich nicht zwei gleichen durften.

   Für den Weihnachtsabend wurden von Kurts Mutter in Absprache mit den Gemeindepfarrern jeweils zwölf der ärmsten Familien in der Stadt ausge­wählt, die einen großen Korb mit Essen bekamen. Der Chauffeur musste et­was entfernt parken und Kurt hatte die Aufgabe, zusammen mit seiner Gou­vernante die Geschenke zu überbringen. Er erinnert sich noch genau an das Erstaunen und die Überraschung, die er in den Fa­milien auslöste, die Ver­wunderung, wie Frau Simon ausgerechnet sie kennen konnte. Er äußerte sich dazu immer in gleicher Weise, erklärte, dass Frau Simon von ihnen ge­hört hätte, dass er hoffe, ihnen würden die Geschenke gefallen, und dass es nicht nötig sei, den Korb zurückzubrin­gen.

   Etwas für andere zu tun, stand in der Familie Simon im Mittel­punkt. Der Vater war aktiv in vielen Gremien in der Ge­meinde und nahm zahlreiche Ehrenämter wahr. Außerdem war er Handels­gerichtsrat. Für seine Aktivi­täten erhielt er das Große Verdienstkreuz. Die Mutter be­kam die Silberme­daille des Roten Kreuzes für die Einrichtung der Mütter­bera­tung. Heute ist eine Straße in Essen nach ihr benannt, die Else-Simon-Aue.

   Als in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht kommen, än­dert sich mit einem Schlag alles. Der Vater wird von der Gestapo verhaftet und gefoltert. Zu seiner Überraschung wird er nach einiger Zeit entlassen. Sie werden gezwungen, die Fabrik zu verkaufen. Den Eltern bleibt nur kurze Zeit, ein paar Sachen zu packen und die Ausreise anzutreten, die sie schließlich 1940 zum Sohn nach Los Angeles führt. Noch 1937 waren sie nach einem Besuch in Amerika wieder nach Hause gefahren, weil sie nicht aus Deutschland fort wollten. Nun lassen sie sich bis zu ihrem Ende in Santa Monica nieder. Der Vater stirbt 1945, als Kurt im Zweiten Weltkrieg als Soldat der amerikanischen Ar­mee in Europa ist.

   Nach dem Krieg sucht Kurt Simon die Familie auf, die damals die Fa­brik aus dem Zwangsverkauf erworben hatte, und lernt sie als sehr eh­renwerte Leute kennen. Von ihnen erhält er ohne weiteren Geldaus­tausch den Besitz seiner Eltern als Eigentum zurück.

   Eine Zeitlang übernimmt er dort die Betriebsleitung, um seinen Be­sitzan­spruch deutlich zu machen. Natürlich ist er inzwischen längst Amerikaner und hat nicht vor, wieder nach Deutschland zurückzukeh­ren. Im Betrieb weigert er sich, seinen Arbeitsplatz im Büro des Vaters einzu­nehmen, ab­geschirmt vom Vorzimmer mit den zwei Sekretärin­nen, und ar­beitet statt­dessen im Musterzimmer bei offener Tür. Eine der Sekretärinnen, die Eng­lisch kann, sitzt an einem zweiten Schreib­tisch im Musterzimmer und wird darin unterrichtet, wie eine amerikani­sche Sekretärin zu arbeiten: I said, ‘Look, you don’t take orders from anyone but me. And when your job is done at the end of the day, if I’m not in, you don’t have to stick around. You go home. And if there is some time more work to be done, please give me a little more time overtime. And you come in, when I tell you or when you feel it’s right.’ Jahre später schreibt sie ihm, dass das die beste Arbeitsstelle gewesen sei, die sie jemals gehabt habe.

 

Beim ersten Wiedersehen mit Deutschland nach seinem Weggang in den dreißiger Jahren ist Kurt Soldat der amerikanischen Armee, in der er von März 1941 bis November 1945 Dienst leistet. Gleich nachdem er seine amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, stellte er sich freiwillig.

   Dieser Lebensabschnitt ge­hört nicht zu seinen glücklichsten. Jemand hatte ihn als Nazispion denun­ziert. Erst Jahre später - als das Gesetz zur Geheimhaltung von Daten durch die Regierung geändert wird - fin­det er heraus, dass es sich dabei um den Racheakt eines Bekannten han­delte, der glaubte, er habe ihm sein Mädchen weggenommen. Drei Jahre lang wird er der Illoyalität verdächtigt und hat keinen Zugang zu ver­traulichen, gehei­men oder nicht öffentlich zugängli­chen Informatio­nen. Er wird der Fil­meinheit zugeordnet, in der er auf zahl­reiche Be­kannte aus Hollywood trifft. Alle wissen von dem Verdacht, unter dem er steht. Die meisten geben nicht viel darauf, weil sie ihn gut kennen. Trotzdem be­drückt ihn der Vor­wurf, und er leitet eine gerichtliche Untersu­chung gegen sich selber ein, die seine - vorläufige - Rehabilitierung zum Er­gebnis hat.

   Zusammen mit zwölf Soldaten, die sämtlich aus der Filmproduktion kommen, darunter Filmautoren, Cutter, Kameraleute und andere in der Filmindustrie Beschäftigte, wird Kurt Simon nach Europa geschickt. Warum diese Filmeinheit mit top priority - andere Passagiere mussten für sie zurückstehen - so eilig nach Europa gebracht wurde, ist ihm bis heute nicht bekannt. Als sie in London ankommen, weiß keiner etwas von ihnen, nirgendwo werden sie gebraucht. Die 13 Soldaten der Fil­meinheit bleiben beisammen und durchstreifen die Stadt.

   Als sie herausfinden, dass es in Eisenhower’s Headquarters das beste Es­sen gibt, melden sie sich dort zum Dienst. Sie werden gut behandelt und be­kommen den Auftrag, sämtliche Filme zu sichten, die damals in Europa im Einflussbereich der alliierten Mächte produziert wurden. Die Filmauf­nahmen vom Kriegsgeschehen, sowohl von akkreditierten mili­tärischen Filmemachern als auch von Zivilfilmern, wurden zum Entwickeln in drei Labors geschickt, von wo aus das Material an Eisen­hower’s Headquarters in London ging, dem Sitz der obersten alliierten Zensurbehörde. Dort wurde es unter Beteiligung von Vertretern der Alli­ierten einschließlich des Freien Frankreich und des Freien Norwe­gen gesichtet und zensiert, z.B. wurden Detailaufnahmen von Kriegsge­rät wie der Radaranlagen in Flugzeugen her­ausgeschnitten oder Sze­nen, die Niederlagen und Schwächen der Alliierten zeigten. Kurt hatte den Auftrag, das herausgeschnittene Material zu ver­brennen. Manch­mal hatte er das Gefühl, historisch Wertvolles zu beseitigen, manchmal kamen ihm Zweifel am Sinn der Zensur, wenn z.B. eine Auf­nahme vernichtet werden sollte, auf der zwei schwarze Soldaten zu sehen wa­ren, die einen weißen auf der Bahre davontrugen. Hier hatte eine Vor­form der Political Correctness den Eindruck verhindern wollen, dass Schwarze vorzugsweise als Bahrenträger eingesetzt würden.

   Mit der Befreiung von Paris zieht die Filmeinheit von London nach Frank­reich um. Kurt erinnert sich, wie sie in ihren Jeeps von der Be­völke­rung stürmisch begrüßt, umarmt und geküsst wurden. Der Gene­ralstab Ei­senhowers musste täglich davon unterrichtet werden, welche Filme an jedem Ort Europas hergestellt worden waren. Die Filmeinheit übernimmt für die­sen Zweck das Theatre Wagram, ein großes und prächtiges Filmtheater. Aus dem eingehenden Filmmaterial werden Zu­sammenschnitte hergestellt, die aus Zeitmangel oft live über Mikrophon von den Filmautoren kommentiert werden. Das größte Publikum, vor dem sie ihre Zusammenschnitte jemals zeigten, waren etwa zwanzig Generale.

   Obwohl Kurt das Leben in Paris sehr genießt - in der Rue Octave Feuillet hatte er für die Filmeinheit das Palais der Rothschilds requiriert, und der Küchen­chef des Hotel Ritz kochte für sie - zieht es ihn hinaus, er sucht die Heraus­forderung. Dass er drei Sprachen beherrscht, Eng­lisch, Französisch und Deutsch, qualifiziert ihn für das Counter Intelli­gence Corps, so wird Agent des CIC.

   Das Kommando der Geheimdienstgruppe bestand nur aus einer Hand­voll Personen, die ihre Agenten von einem Schlösschen aus, dem “Chateau sur Seine”, das sich in der Nähe von Paris befand, mit Aufträ­gen für ganz Eu­ropa ver­sah. Die Agenten konnten sich ihre Kleidung für ihre jeweilige Mission aus­suchen, sämtliche Uniformen aller Ar­meen und Ränge sowie Zivilklei­dung standen zur Wahl. Kurt zieht hinter den Alliierten her, erst durch Frankreich, dann nach Deutschland hinein. Von unterwegs gehen seine Be­richte zum Schloss an der Seine.

   In Essen erfährt er über einen ehemaligen Klassenkameraden, der es bei den Nationalsozialisten bis zum Gauleiter in der Tschechoslowakei gebracht hatte, von detaillierten Plänen der Nationalsozialisten für ihre Organisation in Untergrundgruppen in der Zeit nach dem Krieg. Kurt hat den Eindruck, an hochbrisantes Material geraten zu sein, und macht sich sofort auf den Weg zum Chateau. Dort legt er seinen Bericht auf den Schreibtisch des Kommandochefs und wartet in seinem Zimmer auf dessen Rückkehr und Reaktion.

   Es vergehen Stunden, ehe er gerufen wird. He said, ‘Kurt, what do you want me to do with this?’ I gulped and said, ‘Isn’t this important?’ - ‘It is very im­portant. I didn’t ask you this. So what do you want me to do with it?’ I said, ‘Kick it up to Wa­shington to the chief of staff.’  He said, ‘You know what they’re gonna do with it? They’re going to file it.’ I said, ‘Isn’t it a good job?’ He said, ‘You’ve done an excellent job. But - forget about it. In a few months the war will be over. No one cares any more.’

   Kurt hat während dieser Zeit öfters das Gefühl, sein Leben für rein gar nichts aufs Spiel zu setzen. Einmal wird er für eine Mission weit vor die Front bis hinein nach Ostdeutschland geschickt, um einen Mann zu fin­den, der bereits seit vielen Jahren tot ist. Überhaupt hatte ihn wieder einmal die Vergangenheit eingeholt. Wiederum wird er in einem Bericht aus Washing­ton der Illoyalität beschuldigt. Sein Chef setzt sich für ihn ein und verhin­dert seine Entlassung aus dem CIC. So setzt er seine Agententätigkeit fort, bis er auf die Nachricht aus Amerika vom bevor­stehenden Tod seines Va­ters hin seine Entlassung aus der Armee bean­tragt.

  

Während seiner Zeit beim CIC war er bei Kriegsende mit der Einrichtung ei­ner Militärregierung in dem kleinen bayrischen Ort Neubiberg betraut worden, einer Aufgabe, auf die er in keiner Weise vorbereitet war. Zwei ganze Kompa­nien der deutschen Truppen unterwerfen sich ihm. Er hat keine Ahnung, was er mit diesen Menschen anfangen soll. Es gibt keine Unterkunft für sie und kein Essen. Da waren Tausende von Soldaten, die sich plötzlich ergaben. Niemand wusste, wohin mit ihnen. Und sie selber hatten auch keine Ahnung, waren seit Tagen und Wochen ohne Auftrag und Ziel. So marschierten sie eben zu irgendeiner alliierten Einrich­tung hin und er­gaben sich.

   Kurt schließt sich einem Kommando von Soldaten an, die ebenfalls nicht wissen, was sie mit ihren Kriegsgefangenen tun sollen. Als sich ihm dort der Landwirtschaftsminister der nationalsozialistischen Regie­rung ergibt, hat auch der vorgesetzte Colonel keine Ahnung, was mit ihm anzufangen wäre. Im Rückblick sind das natürlich Situationen, die komische Züge aufweisen.

   Doch Kurt wird auch Zeuge entsetzlicher Ereignisse. Sie treffen auf ganze Reihen von in letzter Minute gehenkten so genannten Verrätern an Führer und Reich. Bei der Befreiung eines der kleineren Konzentrations­lager in ei­nem Ort namens Ohrdruf nehmen sie bereits aus der Ferne einen seltsamen Geruch war, der anders ist als alles, was sie jemals zuvor gerochen haben. Es ist der Geruch verbrannten menschlichen Fleisches. Als sie das Tor öff­nen, sehen sie , dass die Wächter und Schergen den Ort bereits verlassen ha­ben. Auf einem freien Platz stehen sie fassungslos vor einem haushohen Berg von nackten toten Menschen. Aus den umstehenden Baracken dringt Qualm, und verbrannte menschliche Arme strecken sich durch den Stachel­draht, der die Fenster verschließt. Alle Menschen, die beim Herankom­men der amerikanischen Truppen noch lebten, sind in die Baracken ein­geschlos­sen und verbrannt worden. Nur einige Dutzend konnten sich retten. Einer von ihnen, der nur aus Haut und Knochen besteht, rutscht auf den Knien auf Kurt zu und um­klammert mit beiden Armen dessen Beine. Mit heiserer Stimme stößt er seinen Dank hervor.

   Kurt Simon macht den Lagerleiter ausfindig, von dem ihm berichtet wird, dass er mit Vergnügen und Vorsatz Gefangene gequält und getötet hat. Er ließ sie mit den Händen den Inhalt der Latrinen ausheben und als Dünger in seinen Rosengarten bringen, um sie anschließend zu erschla­gen. Kurt ver­haftet ihn und schickt ihn in ein Gefangenenlager. Einen Monat später sieht er, dass der Mann wieder frei ist. Es gab einfach zu viele davon.

 

Noch vor dem Krieg baute Kurt Simon als Programmdirektor eine der ersten drei Fernsehstationen Amerikas auf. Es gab eine in New York, eine in Chi­cago und eben die dritte an der Westküste, making television come true in Cali­fornia. Für seine Mitarbeiter beantragte er die Einrich­tung einer eigenen Be­triebsgewerkschaft. Doch eines Tages kommt ein Unbekannter zum Set des Studios. Der Fremde kommt direkt auf ihn zu. He was wearing a felt hat and looked like a film gangster, but he wasn’t. He pus­hed his finger into my stomach and said, ‘You want to find yourself in a ditch?’ And I said, ‘No’, and he, ‘Then shut up.’  That’s how the labor unions took over my television station. Und Kurts Fern­sehkarriere war beendet.

   Nach dem Krieg und seiner Krankheit, ist für ihn auch aufgrund der Lek­türe Peter F. Druckers vollständig klar, dass er die Verwirklichung seines Traums, Filme zu produzieren, als Angestellter eines Studios nie erreichen kann. So beginnt er in den 50er Jahren seine Arbeit als Selbst­ständiger mit der Erschließung einer Marktlücke. Er produziert Unter­richtsfilme für ame­rikanische Schulen und wendet dabei alles, was er in seinen verschiedenen Jobs in der Filmindustrie gelernt hat, an. Bei der Kostenkalkulation kommen ihm besonders seine Erfahrungen als Zeitnehmer zugute. Auf der Suche nach der kostengünstigsten Pro­duktionsweise findet er heraus, dass er ohne ein eigenes Studio aus­kommt. Er plant weit im Voraus und kommt häufig mit einem Produkti­onstag für ein Projekt aus. Dafür mietet er jeweils für den Tag die Räume und die Ausrüstung an und stellt befristet qualifiziertes Personal ein. Zunächst produziert er unterhalb der Gewinnmarge, um ei­nen Kundenstamm zu gewinnen. Später, als er erfolgreich ist, gehören McGraw-Hill und die Ecyclopaedia Britannica zu seinen Kunden.

   Seine Produktionsweise one project at a time erlaubt es ihm, die Le­bensweise zu verwirklichen, zu der er sich nach seiner Krankheit entschlos­sen hatte. Er verbringt viele Monate auf Reisen, die ihn häu­fig in den Süd­pazifik führen. Er nimmt sich Zeit, meidet die großen Hotels zugunsten der einfachen Guest Houses, in denen er ein an­spruchsloses Leben führt. Auf diese Weise kommt er mit Einheimischen in Kontakt und knüpft Freund­schaften, die von Dauer sind. Bis heute hat er über 120 Länder besucht. Niemals ist er Erster Klasse gereist. In jener Zeit, Ende der 50er Jahre, baut er auch sein Haus mit einem gün­stigen Kredit für ehemalige Soldaten (veterans’ loan).

   Bei einem Filmfestival in New York bekommt Kurt Simon den “Award for the Best Educational Film”. Andere Preise und Auszeich­nungen folgen. Die Arbeit wird für ihn immer leichter, sein Name öff­net ihm mit der Zeit in seinem Produktionsbereich alle Türen. Ihm fehlt die Herausfor­derung. Außerdem wird der Markt enger, weil immer mehr Unterrichtsfilme an den Schulen von den Lehrern selbst hergestellt werden. So stellt sich Kurt auf die Produktion von Trickfilmen um. Als auch dafür die Nachfrage zurück­geht, gibt er Mitte der 60er Jahre das Geschäft auf und betätigt sich mit dem dar­aus entstandenen Vermögen als Investor zunächst bei einer Fluglinie, später auf dem Gebiet des Immobilienhandels mit Häusern und Grund­stücken, womit er das meiste Geld verdient.

 

Sein Ehrenamt in der Grand Jury des Los Angeles County war eine der in­teressantesten Aufgaben für Kurt Simon. Auf eine Radiosendung hin, in der beklagt wird, dass die Grand Jury nur aus Personen besteht, die von Richtern dafür vorgeschlagen werden, meldet er sich am näch­sten Morgen sofort zur Stelle.

   Die Grand Jury des Los Angeles County besteht aus 23 Mitgliedern, die von den Richtern des Superior Court für ein Jahr ernannt werden. Sie erhal­ten keinerlei Bezahlung und haben das Recht, alles zu untersu­chen und zu überprüfen, wovon sie denken, dass es für das Los Angeles County von Wichtigkeit ist. Für ihre Tätigkeit können sie Einsicht in Akten und Unter­lagen verlangen und jedermann in welcher Position auch immer als Zeugen vorladen. Stoßen sie bei ihren Untersuchungen auf Missstände oder Unge­setzlichkeiten, kann die Grand Jury veranlas­sen, dass Ge­richtsverfahren überprüft oder neu eröffnet werden, sie kann die Verwal­tung des Los An­geles County auf Effektivität über­prüfen und Maßnahmen treffen, die zur Einschränkung der öffentlichen Ausgaben führen.

   Kurt Simons Mitarbeit im Ausschuss zur Überprüfung Ausgabenpoli­tik und sein Vorsitz im Komitee zur Kontrolle von Regierungsmaßnah­men verstärken sein Misstrauen gegenüber den Regierenden. So wendet er sich noch heute vehement gegen alle Maßnahmen der Regierung, die seiner An­sicht nach die freie Entscheidung des Individuums ein­schrän­ken, und ist grundsätzlich der Ansicht, dass das Geld in den meisten Fällen am besten im Portemonnaie der Bürger aufgehoben ist.

 

Seit 15 Jahren lebt Kurt mit seiner Lebensgefährtin Atsuko zusam­men, die aus Japan kommt. Sie ist über dreißig Jahre jünger als er, und es gibt zwi­schen ihnen, was ihre Herkunft und ihre Vorstellungen von der Welt an­geht, große Gegensätze. Vieles tut er ihr zuliebe, wie z.B. Essen gehen in feinen Restaurants, was ihm selber nichts bedeutet. Er zieht nun auch eine bequemere Form des Reisens vor und wählt für Atsuko Hotels mit etwas Luxus aus. Sie sprechen nicht sehr viel mitein­ander, aber Kurt denkt, dass ihre ständige aufmerksame Beobachtung ihm hilft, selber mehr auf sich acht zu geben.

   Als Atsuko einmal zu ihm sagt: Poor Kurt, he has no purpose, macht ihn das nachdenklich. Er entschließt sich sofort, etwas Neues zu beginnen und wird in seinem neunten Lebensjahrzehnt Bauherr. So hat er wäh­rend der letzten drei Jahre 52 Häuser gebaut und verkauft oder vermie­tet. Auch dabei hat er wieder das Gefühl, etwas für das Land zu tun, dessen Bürger er ist. Schließlich verhilft er dadurch Menschen zu Häu­sern und Wohnungen und  verdient dabei gutes Geld. Kürzlich hat er zusammen mit anderen in Ari­zona ein Gelände von 5.000 acres ge­kauft, parzelliert und mit Wegerecht weiterverkauft. Da ihm die Sache Spaß macht und eine Menge einbringt, hat er nun ein zweites großes Stück Land gekauft.

 

Aber eigentlich ist für Kurt Simon das Jahr 1981 der Zeitpunkt, an dem für ihn im Alter von 69 Jahren die Vergangen­heit endet und die Zu­kunft be­ginnt. Er gründet den So­vereign Fund, “Honoring Vision, Commitment and Achievement in the Pur­suit of Individual Freedom”, weil er den Ein­druck hat, dass er dem Land, das ihm so viele Möglich­keiten für die Verfol­gung seines Glücks und die Verwirklichung seiner Träume eröffnet hat, et­was schuldet.

   Die von ihm gegründete Stiftung vergibt einen jährlichen Preis, mit dem Persönlichkeiten geehrt werden, die einen außerordentlichen Bei­trag zur Beförderung der individuellen Freiheit in Amerika geleistet ha­ben. Die Leistungen der - manchmal gänzlich unbekannten - Preisträger werden vom Sovereign Fund publiziert, damit sie als Beispiele zur An­regung ande­rer dienen können, die Freiheiten zu schätzen und zu schützen, die ihnen die amerikanische Verfassung gewährt. Mit dem Preis verbunden ist eine je­weils Jahr für Jahr neu festgesetzte Geld­summe zwischen 10 und 25.000 Dollar. Die Gesamtsumme der Preise aus den Jahren 1982 bis 1998 beläuft sich auf etwa 300.000 Dollar, die aus Kurt Simons Privatvermögen stam­men. Zur Beratung über die Preisverleihung und für Angelegenheiten der Geschäftsführung in der Stiftung umgibt er sich mit kundigen Freunden, die mit ihm zusammen den Vorstand, “Board of Directors”, bilden. Die Suche nach den Preis­trägern und ihre endgültige Auswahl behält Kurt Simon sich jedoch sel­ber vor.

   Manche sind mit seiner ganz persönlichen Biografie verknüpft, wie z.B. der Unternehmensberater Peter F. Drucker, dessen Schriften für Kurt Si­mon zum Anlass wurden, binnen Stunden seine einträgliche Ar­beitsstelle bei Warner Brothers zu verlassen, um zukünftig selbständig zu arbeiten. Als Preisträger des Jahres 1986 wird Peter Drucker für seine Publikationen ge­ehrt, die die Förderung der individuellen ökonomi­schen Freiheit und des freien Unter­nehmertums zum Ziel haben.

   Der Preisträger von 1994 ist John E. Moss, ein demokratischer Kon­gressabgeordneter, dessen in den 50er Jahren begonnene Initiative für einen Freedom of Information Act schließlich 1966 Erfolg hat. Als das Gesetz verabschiedet ist, das allen Bürgern das Recht gibt, sich über die vom FBI über sie angelegten Akten und Berichte zu informieren, hat Kurt Simon die Gelegenheit, über seine Diffamierung als Nazi-Spion Aufklärung zu erhal­ten.

   Die allgemeine Bandbreite bei der Auswahl der Preisträger ist groß, so­wohl was ihren politischen Standort als auch was ihr Metier oder den Grad ihrer Bekanntheit und ihres Einflusses angeht. Sie reicht von Curtis Sliva, dem Begründer der “Guardian Angels”, einer Gruppe Freiwilliger, die durch ihre Anwesenheit und Ein­satzbereitschaft die Passagiere der U-Bahnen und die Passanten auf den Straßen der Groß­städte beschützen, bis zu dem über die Landesgrenzen hinaus bekannt gewordenen und sehr umstrittenen Befürworter und Anwender der Euthanasie für unheilbar Kranke, Jack Kevorkian, der für seine letzte Tö­tung auf Verlangen, die er vor laufender Kamera ausgeführt hat, zur Zeit im Gefängnis sitzt. Auch Carl Djerassi, der “Vater der Antibabypille”, und ein bis dahin unbekannter Grundschullehrer aus Texas, der das Ler­nen in Projekten praktiziert und so seine Schüler auf ein erfolgrei­ches Leben in Amerika vorbereitet, sind dar­unter.

   Mehrere Monate im Jahr reist Kurt Simon ohne ein zuvor geplantes Ziel durchs Land und sucht in jedem Ort auf seiner Strecke durch Be­fragen von Herausgebern der örtlichen Zeitungen, der Handelskammern und ande­ren gut informierten Gremien nach geeigneten Kandidaten. Dazu stellt er ihnen immer wieder die Frage: Is there anyone in this town who has done anything for mankind or has especially done anything for America or for freedom here? Er über­nachtet selten mehr als einmal an einem Ort und bringt so in jeweils ein bis zwei Monaten bis zu 8.000 Meilen hinter sich.

   Zurzeit hat Kurt wie immer sehr viel zu tun. Die Auswahl des dies­jähri­gen Preisträgers steht an, er muss sich um das neue Erschlie­ßungs­projekt in Arizona kümmern, einer Einla­dung zu Freunden in Tahiti möchte er fol­gen. Allesamt Tätigkeiten, die ihn glücklich ma­chen. So ganz beiher feiert er am 10. Juni seinen 87. Geburts­tag. Auf das Erreichen eines so hohen Alters ist er stolz. Gleichzeitig trifft er auf allen Ebenen seine Vorbereitun­gen für die Zeit when I’m in heaven. Dabei genießt er jeden Tag sein Leben, Atsukos Gesellschaft, sein Haus, den schönen Blick, das frühe Aufstehen, das Joggen am Morgen und ist ge­spannt auf alles Neue, was noch auf ihn zukommt.

 

 

 

 

 

 


[1] Zu diesem Verfahren wurde ich ermutigt von – hier fehlt mir eine Quelle, die mir hier in Prag nicht zur Verfügung steht. Ich reiche sie Ende November aus Frankfurt  nach. Es handelt sich um eine methodische Beschreibung von Befragungen im Bereich der Oral History im Rahmen soziologischer Forschungen.

[2] Bund deutscher Mädels, Jugendorganisation der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands

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